Herbert Steffny: „97 Prozent der schnellsten Marathonläufer sind Afrikaner“

Schnelle Gazellen im Gleichschritt: Haile Gebrselassie (im grünen Laufhemd, Bildmitte) mit seinen Tempomachern bei Kilometer zehn beim Berlin-Marathon 2011. (Foto: Jörg Levermann)

Schnelle Gazellen im Gleichschritt: Haile Gebrselassie (im grünen Laufhemd, Bildmitte) mit seinen Tempomachern bei Kilometer zehn beim Berlin-Marathon 2011. (Foto: Jörg Levermann)

Eichwalde. Es ist beeindruckend, wie Kenias Top-Athleten innerhalb von 26 Jahren in die Weltspitze der Marathon-Eliten liefen. Der ehemalige Spitzenläufer Herbert Steffny erklärte vergangene Woche Dienstag (17.4.2012) in der Alten Feuerwache in Eichwalde, warum die kenianischen Läuferinnen und Läufer auf der Marathondistanz dem weißen Mann davon laufen. Rund 30 Interessierte – fast alle sind Marathon- oder Ultra-Marathonläufer – kamen in das Eichwalder Kulturzentrum, um dem heutigen Lauftrainer zuzuhören. Eingeladen wurde dieser vom Verein Kind und Kegel im Rahmen der Vortragsreihe Redezeit. Steffny besuchte bereits 1988 das kenianische Hochland und berichtete über seine Beobachtungen im Land der Wunderläufer.

Im Jahr 2011 kamen 29 von 30 Marathon-Athleten der Weltspitze aus Afrika. 1985 waren es noch rund ein Viertel der Top-Läuferinnen und -Läufer, die aus einem afrikanischen Land kamen. Kein einziger kam damals aus Kenia. „Im vergangenen Jahr  sind 142 Männer die 42,195 Kilometer lange Marathondistanz unter 2:10:00 gelaufen“, sagte Herbert Steffny, „darunter sind 87 Kenianer.“

Zukunftsperspektive Profisport

Für junge Menschen in Kenia sei der Langstreckenlauf auf Profiniveau oft die einzige Zukunftsperspektive, erklärte Steffny. Während es hierzulande immer mehr ältere als jüngere Menschen gebe, sehe es in Kenia noch ganz anders aus. In Kenia lebten doppelt so viele Kinder wie in Deutschland.

Rund 30 Laufbegeisterte, fast alle aktive Sportler, kamen zum Vortrag des Marathon-Experten Herbert Steffny in die Alte Feuerwache. (Foto: Jörg Levermann)

Rund 30 Laufbegeisterte, fast alle aktive Sportler, kamen zum Vortrag des Marathon-Experten Herbert Steffny in die Alte Feuerwache. (Foto: Jörg Levermann)

Dabei ist die Bevölkerung in dem westafrikanischen Land arm. Das durchschnittliche Einkommen betrage rund 60 Euro im Monat. Wer im ländlichen Raum ein oder gar mehrere Kühe besitzt, gelte bereits als reich. Kinder werden in Kenia auch als Hilfskräfte und als Arbeitskräfte betrachtet. Die Arbeiten müssen sie neben der Schule erledigen, die oft mehr als mehrere Kilometer vom Wohnort entfernt sei. Der Schulweg werde häufig im Laufschritt bewältigt. Überhaupt seien Kinder begeisterte Läufer. Steffny erzählte, dass er und seine Reisegruppen so manches Mal bei ihren Trainingsläufen von Kindern begleitet wurden – einige sogar 15 Kilometer weit, bevor sie sich verabschiedeten und sich auf den Rückweg machten. Die körperliche Fitness sei vor allem auch eine Notwendigkeit, da es kaum motorisierte Fahrzeuge oder Fahrräder in Kenia gebe.

Schulweg im Laufschritt

Sportwissenschaftler belegten in einer Studie, dass 86 Prozent Kenias Eliteläufer ihren Schulweg von mehr als fünf Kilometern im Laufschritt zurücklegten. In ganz Kenia finden ganzjährig Querfeldeinläufe, so genannte Cross-Läufe, als Schulwettkämpfe statt. In regionalen und landesweiten Wettbewerben habe sich in Kenia ein einfaches aber sehr effektives System entwickelt, große Lauftalente ausfindig zu machen.

Für viele Kenianer seien die Spitzenläufer große Vorbilder. Schließlich hätten sie gezeigt, dass sich mit dem Laufen als Beruf viel Geld verdienen lasse, erklärte Steffny. Sein Ziel sei es gewesen, ein besseres Leben zu führen, und viel Geld zu verdienen, damit es auch der eigenen Familie besser geht, soll Patrik Makau einmal über seine Motivation Läufer zu werden, gesagt haben.

Ideale Trainingsbedingungen im Hochland

Herbert Steffny, in der Alten Feuerwache. (Foto: Jörg Levermann)

Herbert Steffny, in der Alten Feuerwache. (Foto: Jörg Levermann)

Nicht alle Kenianer sind Läufer. Das wurde aus dem Vortrag von Steffny klar. Denn die klimatischen Bedingungen sind nicht überall im Land geeignet, um Langstreckenläufer zu werden. Schließlich liegt das Land in der Äquatorregion. Im Hochland am Rift Valley sind die Bedingungen dagegen ideal. Zwischen 2.500 und 3.000 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, ist es für tropische Verhältnisse relativ kühl – ideal um dort zu trainieren. Inzwischen haben sich den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Trainingszentren etabliert, nicht nur für die kenianische Elite der Langstreckenläufer, sondern ganz besonders auch für Profi und Amateursportler aus Europa. Denn im Hochland enthält die Luft etwa 30 Prozent weniger Sauerstoff als auf Meeresniveau. Beim Training in der Höhenluft passt sich der Körper an und bildet vermehrt rote Blutkörperchen.

Allerdings sei es nicht allein das Training in der Höhenluft, das die Kenianer so schnell macht, gab Steffny zu bedenken. Denn die Kenianer trainierten vor allem mit vielen langen und langsamen Ausdauerläufen. Langsam bedeutet, dass sie mit etwa 6:00 pro Kilometer laufen. Das ist auch hierzulande ein ruhiges Jogging-Tempo.

Der Treibstoff: Die kenianische Hauptspeise

Als ideal bezeichnete Steffny das kenianische Hauptgericht Ugali mit Sauermilch und Gemüse. Der Maisbrei enthält viele Kohlenhydrate. Die Auswahl an Gemüse ist Groß in Kenia. Etwa 20 verschiedene Gemüse und Obstsorten bereichern die kenianische Küche, weiß der Veranstalter von Trainingslagern im Kenianischen Hochland zu berichten. Etwa 20 verschiedene Gemüse und Obstsorten seien Gekocht werde vor allem mit sehr wenig Fett und Fleisch. Wissenschaftler der Kenatta-Universität haben die Ernährung der Spitzenläufer unter die Lupe genommen. So besteht die Ernährung zu etwa 75 Prozent aus Kohlenhydraten, zirka 12 Prozent Protein (Hülsenfrüchte) und enthält lediglich zwischen drei und 15 Prozent Fett. Die Speisen sind zu 90 Prozent vegetarisch. Nahrungsergänzungsmittel werden in Kenia nicht konsumiert. Mangelerscheinungen konnten indes nicht beobachtet werden.

Tipps für Laufanfänger

„Die meisten menschen, die Rückenprobleme haben, haben diese, weil sie nicht laufen“, sagte Steffny und erklärte, dass Ausdauerläufer seltener an Rückenproblemen litten. Wer mit dem Laufen beginnen wolle, der solle vor allem langsam laufen. Gänzlich Untrainierten empfahl er mit strammen Spaziergängen den Körper erst an die Bewegung zu gewöhnen. Erst langsam sollte man mit dem Laufen beginnen, zunächst nur sehr kurze Strecken. Wer Probleme mit den Knien habe und keine orthopädischen Veränderungen im Kniegelenk vorlägen, der laufe meistens zu schnell.

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Ein Kommentar zu “Herbert Steffny: „97 Prozent der schnellsten Marathonläufer sind Afrikaner“

  1. War ein schöner und interessanter Vortrag, Steffny ist ein guter Redner, der die Dinge auch sehr anschaulich rüberbringen kann. Danke an Kind und Kegel e.V. und Helmut Winter für die tolle Orga!